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Wenn denken nicht mehr funktioniert

20. Juni
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Juli


Das war für mich eine der schlimmsten Erfahrungen bei dieser Reise. Dass mein Oberstübchen irgendwie nicht mehr richtig funktioniert hat. Wenn ich "zuviel gedacht habe", hat mein Körper versagt. Ja, mir war schon bewusst, dass Gehirn und Körper zusammenhängen, aber dass nix mehr geht, weil das da oben nicht mehr funktioniert und man nicht weiß, wieso und was man dagegen machen soll, hat mich echt fertig gemacht. Immer, wenn ich mal einen guten Moment hatte, wollte ich auch gerne irgendwas tun. Egal was. Und da ich vom Körper her ansonsten gefühlt fit auf den Beinen war, versuchte ich mich zuhause wieder mehr einzubringen. Was ich unterschätzt habe, war, dass ich dann einfach immer zuviel gemacht habe, weil es ja irgendwie ging. Und dann war es plötzlich zuviel und ich konnte tagelang nicht mehr denken, nicht mehr essen. Unterhaltungen wurden ebenfalls schwieriger, Reize schlechter zu ertragen. Und da ich einfach nicht wusste, warum das passiert, fühlte ich mich so unfassbar ausgeliefert.

Als ich verstanden habe, warum das passiert (weil ich doch zuviel gemacht oder nachgedacht habe, obwohl ich es nicht gemerkt habe), konnte ich dagegen besser etwas tun.

Riesen Gamechanger: Pausen. Ganz regelmäßig. Ob ich sie gefühlt brauchte oder nicht. Nicht nur vom Machen sondern auch vom Denken. Und mein Körper hat es mir gedankt und gezeigt, dass der Weg zumindest richtig war. Ich finde es immer noch schwierig, "nicht zuviel zu denken", weil mein Hirn einfach sehr neugierig und umtriebig ist, aber auch das ist ja einfach eine Sache der Gewöhnung, Je öfter ich meine Gedanken kurz anschaue und stoppe oder sie aufschreibe und das Überlegen auf später verschiebe, desto leichter wird es, den Geist zu beruhigen. Denn es ging bei mir nicht nur um Sorgengedanken oder so sondern um alle Gedanken, ob positiv oder negativ, die einfach Energie gefressen haben. Was muss eingekauft werden? Wäsche waschen? Mein Auto muss in die Werkstatt- wann kann es dahin? Wohin wollen wir mal wieder in den Urlaub? Was machen wir am Wochenende? ICh habe Freundin xy schon ewig nicht mehr gesehen, ich sollte mich mal melden...Ach, diese ganz normalen Gedanken eben. Aber es sind einfach unzählig viele.


Und gerade in den Momenten, wo meine Kinder in den Armen von meinem Mann oder meiner Mutter geweint haben und ich nicht hin konnte waren unfassbar schwer auszuhalten. Das Nervensystem und meine Glaubenssätze wollten eigenhändig losrennen um meine Kinder zu halten und zu beruhigen. Aber genau da habe ich diese innere Angst, dass meine Kinder ein Trauma erleiden oder mangelhaften Selbstwert aufbauen oder keinen guten Voraussetzungen für ihr Erwachsenenleben haben, wenn ich nicht gut genug oder schnell genug reagiere oder sie nicht auf die richtige Art und Weise fördere und fordere, sehr klar gefühlt und konnte mit ihr arbeiten. Und konnte einmal hinterhergehen, woher diese krasse Angst -und ich habe das jetzt nicht so bewusst gefühlt, es lief einfach so im Hintergrund und hat mein Denken und Handeln wesentlich beeinflusst- herkommt. Und die Angst wirklich wahrzunehmen und mir immer wieder zu sagen, dass ich meine Kinder eben nicht gegen alles beschützen kann, aber mein Bestes tu. Und dass das auch in Ordnung ist.

Und so konnte ich auch noch einige andere Themen aufdecken, die mir im Kopf viel Energie im Alltag rauben und die ich dann immer wieder versucht habe, anzuschauen und zu stoppen. Gemein ist, halt, dass man das ja einfach schnell ändern will, um wieder gesund zu werden, aber durch die Symptome aufgrund der fehlenden Energie eben nichts mehr schnell geht. Und dann die Geduld zu behalten, nicht soviel denken zu können, und trotzdem Schritt für Schritt wieder in Gesundheit zu kommen- joa, nicht meins. Aber musste ich dann halt akzeptieren. Und seitdem geht es ganz gut, dass wenn plötzlich automatisch in meinem Oberstübchen etwas gedacht wird, ich es recht schnell merke und mich nicht darin verliere. Und jedes Mal, wenn ich dieGedanken erfolgreich stoppen kann, klopfe ich mir selber auf die Schulter, weil ich damit Energie im Hirn gespart habe :)

Es gibt ja diesen Begriff "Brainfog", der auch so typisch für bestimmte Krankheitsbilder ist- bei mir hat es sich nicht nebelig angefühlt sondern eher wie ein kompletter Kurzzschluss, sodass auch die Steuerung meines Körpers nicht mehr so richtig funktioniert hat. Von Gucken über Gehen oder Denken oder Essen. Ich habe immer gesagt, "Mein Gehirn klappt zusammen", das hat das Gefühl am besten beschrieben.

Wenn ich mir jetzt Fotos von der Zeit anschaue, stimmt es mich an manchen Tagen etwas traurig, weil ich mich an die Dinge gar nicht richtig erinnern kann. Gerade bei Fotos von meiner Tochter, welche sich von 6 Monaten bis 1,5 Jahren natürlich sehr verändert hat, denke ich: Ach krass, so sah sie mal aus. Weil da einfach so blinde Flecken aus der Zeit sind.

Aber: Es war halt so und es wird mirgeholfen haben, an diese tiefen Gefühle und Glaubenssätze heranzukommen, die so lang in mir geschlummert und mein Leben nicht positiv beeinflusst haben, heranzukommen. Wie sagte eine Bekannte: "Wenn es einem nicht schlecht genug geht, kommt man da sonst nicht ran". Jap. Wäre wahrscheinlich so gewesen.

Das Denken wird wieder leichter. Es geht besser, Zusammenhänge zu erkennen, Themen zu lesen und zu behalten und auch die schwarzen Löcher nach Unterhaltungen werden weniger. Während ich zwischendurch dachte, so könnte sich Demenz anfühlen, weil ich in manchen Momenten wirklich nicht mehr wusste, worüber man vor 10 Minuten geredet hatte, freue ich mich, dass es langsam wieder besser funktioniert.

Und ich gehe davon aus, dass es auch noch besser wird und mein Gehirn zu alter Form findet und durch neuronale Neuvernetzung die blinden Flecken einfach irgendwie überbrückt werden.

Und bei manchen Ereignissen muss ich wohl nochmal nachfragen, wie sie waren- ich kann mich z:B. nicht mehr daran erinnern, wie mein erster langjähriger Freund und ich zusammengekommen sind. Das ist irgendwie einfach weg. Aber gut. Wir verstehen uns noch gut und ich kann ihn fragen...

Und was sonst noch so weg ist- keine Ahnung. Wird sich zeigen und ich hoffe, es ist nichts Überlebenswichtiges und es ist noch genug Erfahrung da, damit ich meinen Job, wenn ich ihn irgendwann wieder starten kann, noch verstehe:)






 
 
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