Psychotherapie und mein dysreguliertes Nervensystem

Rückblickend versteht man die eigenen Reaktionen natürlich besser, als man sie zu Beginn der Heilreise verstanden hat.
Ich habe mich ja, als ich Panikattacken bekam, ganz schnell um Psychotherapie gekümmert- weil ich wusste, dass das irgendwie helfen soll. Ich hatte keine Ahnung wie und warum, aber ich traf zufällig beim Einkaufen eine Bekannte, die ich vorher bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen hatte und die mir nach dem üblichen "Heeey, wie gehts denn so?" und meiner Kurzversion der aktuellen Lage ihren Therapeuten empfahl. Selbstzahler versteht sich, aber es war mir klar, dass ich so schnell wohl keinen Therapieplatz über die Krankenkasse bekommen würde. Etwas Stationäres war für mich in dem Moment völlig ausgeschlossen, weil ich mir aufgrund meines körperlichen Zustandes nicht zutraute, mich auch nur irgendwo anders hinzubegeben.
Ich konnte relativ schnell einen Termin mit dem Therapeuten ausmachen, welcher mir sofort sympathisch war. Wir trafen meine Themen ziemlich genau mit dem Nagel auf den Kopf und noch heute mache ich die Übungen und wende die Werkzeuge in manchen Situationen an, in welchen ich sie brauche. Und er hat mir mit seiner Sicht auf die Dinge tatsächlich einen Zugang zu "Gott" und den Umgang mit dem eigenen Glauben verschafft, den ich vorher definitiv nicht hatte. Ich hätte es vorher wahrscheinlich nie für möglich gehalten und wahrscheinlich eher abgelehnt- aber wenn nichts mehr hilft außer der Glaube- tja. Ich habe in diesem Moment genommen, was ich kriegen konnte- und außer dem Glauben war da einfach nicht mehr viel. Und ich habe mich nicht mehr so alleine gefühlt. In der Kirche wird man mich wohl weiterhin nicht so oft sehen, aber es gibt nicht einen Tag, an welchem der Glaube in das Leben hier und die ganzen Unwägbarkeiten und dass nicht alles auf Zufällen beruht nicht irgendwie in meinem Kopf präsent sind. Ich habe sehr deutlich verstanden, warum Glaube -nicht unbedingt Kirche- einen wirklich tragen kann.
Aber: Mein Nervensystem war ja absolut dysreguliert. Und diese Arbeit mit Glaubenssätzen, inneren Mustern, Vergangenheit, Ängsten usw ist brutale Arbeit mit dem Nervensystem. Natürlich entlasten diese Werkzeuge auf Dauer- aber genau diese Arbeit verbraucht unfassbar viel Energie am Anfang, weil man sich vielen Themen stellen muss, immer wieder üben muss und Dinge anders machen soll, die man jahrelang so gemacht hat, wie man sie gemacht hat.
Und neue Wege gehen- man verlässt sichere und bekannte Pfade, was dem Nervenystem wiederum erstmal Stress macht, auch wenn sie am Ende richtig sind. Und gerade bei diesen Krankheiten wie ME/CFS, MCAS usw. ist Stress genau das, was den Körper triggert. Und dann widerum das Immunsystem. Ein Teufelskreis.
Und der Körper steckt ja ohnehin in einer Energiekrise (weil die Zellen durch diverse Einflüsse einfach platt sind) und läuft wahrscheinlich noch auf dem letzten Adrenalin, was er finden kann- aber ich habe mich ja einfach nie nach Energiekrise gefühlt, eben nur nach Schwindel und weiß der Kuckuck nicht was noch.
Ich hatte also teilweise nach den Sitzungen irre Migräneschübe. Schmerzen. Übelkeit. Schwindel. Allergiesymptome, vermehrte Unverträglichkeiten auf Nahrungsmittel über Tage und Wochen, ach, Monate. Auf Sonne, auf Geräusche. Teilweise auch davor, wenn ich wusste, ich gehe hin. Aber ich bin hingegangen, wenn immer es irgendwie ging. Und manchmal kam die Sicherheit dann da tatsächlich vor Ort. Und das war eine gute, wirklich gute Erfahrung. Aber ich habe mir da schon innerlich erlaubt, aufzuhören, auch wenn ich dadurch mein Geld "verliere" und keinen Mehrwert mit nach Hause bringe. Eigentlich schon ein toller Schritt, wenn ich mir das gerade so ins Gedächtnis rufe...
Hätte ich den Zusammenhang zwischen Nerven- und Immunsystem zu Beginn der Erkrankung verstanden und auch im Hinblick auf meine Probleme, dann wäre mir das Aushalten der Symptome wohl leichter gefallen. Und hätte mir jemand erklärt, wie genau diese ganzen Klopf-Werkzeuge helfen und warum es eben sein kann, dass es kurzfristig schlechter wird, dann auch.
Generell wusste ich schon vorher, dass diese Arbeit anstrengend und erschöpfend ist, aber diese ganzen Allergiesymptome, die bei mir damit einhergingen, konnte mir niemand so richtig erklären.
Am schlimmsten war aber wohl der Zwischendurch-Besuch bei einer Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Es war mein erster Besuch bei einer Therapeutin mit Kassensitz. Sie war ser nett, aber hat mich innerhalb kürzester Zeit bewertet, mir gesagt, ich soll mich meinen Gefühlen stellen, meine Mutter nicht beschützen und noch so ein paar weitere Dinge. Sie hatte recht. Sie hatte im Nachhinein absolut Recht. Aber die Art und Weise und vor allem die Wucht, wie sie mir ihre Erkenntnisse präsentiert hat und wie ich dann damit erstmal wieder allein gelassen wurde, hat mir wirklich zu schaffen gemacht- weil mein Nervensystem das so einfach noch gar nicht verarbeiten konnte. Mein Kopf hat sich kaum noch beruhigt und drehte Schleife um Schleife rund um das, was sie alles so sagte und ob das jetzt stimmt oder nicht. Und das brachte mich körperlich wieder in einen echt fiesen Zustand.
Der Weg der Tiefenpsychologie war zu dem Zeitpunkt (noch) nicht der richtige für mich und es ist bei diesem einen Besuch geblieben. Ich habe ähnliche Erkenntnisse im Rahmen des Guptaprogramms und mit Kinesiologie gewonnen- aber in viel, viel langsamerem Tempo, welches aushaltbar war und meinen Körper nicht in den nächsten Crash hat rutschen lassen. Und selbst da ging es mir an manchen Tagen nicht gut. Aber irgendwie anders.
Ich bin zwar inzwischen als Springerin bei einer Verhaltenstherapeutin untergekommen, aber da ich persönlich schon wirklich viel mache, ist für mich nicht viel Neues dabei. Aber es tut dennoch gut, über manche Dinge zu sprechen und zu hören, dass das, was man macht, auch aus Sicht der Therapeutin wirklich gut ist und mich in meinem Weg bestärkt.
Aber zum Thema Teufelskreis, welchen ich oben ansprach:
Ich wollte mich nicht damit zufrieden geben, dass das jetzt so bleibt. In was ich mich hineindenken kann, aus dem kann ich mich auch wieder hinausdenken. Hab ich inzwischen gelernt. Aber man muss es tun. Immer und immer wieder üben.
Jetzt bin ich schlauer als zu Beginn, nehme diese Momente der inneren Arbeit eben auch als "energieraubend" in meinen Zeitplan auf und schaue, dass ich davor mein Nervensystem beruhige und mir wirklich auf allen Gefühlsebenen bewusst mache, wie gut mir diese Erkenntnisse und Veränderungen tun werden, auch wenn sie mir vielleicht Angst machen.
Und auch danach räume ich mir wieder etwas Zeit ein, um mein Nervensystem bewusst zu beruhigen. Aber diese Beruhigungseinheiten werden kürzer. Es reichen inzwischen wenige Minuten, weil die neuen neuronalen Pfade zwar noch nicht komplett ausgetreten sind aber doch schon einen beachtlichen Trampelpfad aufweisen, auf den ich mich schnell begeben kann- mein Geist wird dann schnell ruhig und ich kann aus irgendwelchen Gedankenschleifen aussteigen und mich bewusst auf das Hier und Jetzt konzentrieren.
Und wenn ich in den Sitzungen merke, dass es mir nicht gut geht, weil ich aufgewühlt bin, dann atme ich. Einfach atmen.
Ich weiß jetzt, dass alle diese Erfahrungen wichtig sind. Weil sie mich weiterbringen. Und dass ich nicht zuviel Angst haben sollte, Dinge auszuprobieren, auch wenn sie dann scheitern und mich wieder für einige Zeit zurückwerfen. Die aufzuholenden Meter werden weniger. Aber ich muss sie trotzdem gehen...Und ich gehe sie immer wieder mit Mut und Gedult und Akzeptanz soweit wie möglich. Und manchmal auf mit Wut und Genervtsein und Tränen. Aber auch das versuche ich zu akzeptieren- weil ich es ja ohnehin auch nicht ändern kann, dass es so ist wie es ist....oooohhhmmm.

