Meine "beknackten" Glaubenssätze
Aktualisiert: 7. Juli

Ich war schon jeher ein Mensch, der immer viel dafür getan hat, dass es ihm gut geht. Ich habe mein Glück selbst in die Hand genommen. Habe mich gekümmert, Dinge bewegt, etwas aufgebaut. Habe einen tollen Freundeskreis, auch wenn man sich durch die Lebensumstände in den 40ern nicht mehr so nah ist, wie ich das gern gehabt hätte.
Was aber, wenn das plötzlich nicht mehr geht? Wenn du aufgrund einer Krankheit nichts mehr wirklich tun kannst sondern Dir nur die Akzeptanz einer Situation bleibt, die sich für Dich wie die Hölle anfühlt? Keine Unterhaltungen, keine Ablenkung durch Fernsehen, Bücher, mit dem Auto mal rausfahren, Freunde treffen. Wann immer Du etwas tust, was mal ein bisschen Spaß gemacht hat, rauscht Du in einen Crash und es geht Dir tagelang wieder schlechter. Und Du das Gefühl hast, da nie wieder rauszukommen, ein eingeschränktes Leben zu führen, eines irgendwie ohne Sinn. Weil der Körper plötzlich anders reagiert als in all den Jahren davor. Was bleibt Dir da noch vom Leben?
So komisch es sich anhört- es bleibt der Glaube und die Hoffnung dass irgendwie doch alles gut wird. Und wenn der Glaube vorher nicht da war, dann kommt er vielleicht, weil Du dich plötzlich an etwas festhalten musst, wie an einem Strohhalm. Etwas, das größer ist als Du selbst. Ich sehe mich noch weinend eine sehr kleine Runde durch die Feldmark drehen- ich habe Gott oder wen auch immer innerlich angeschrien, was der Scheiß soll und warum ich nicht endlich gesund werde, warum es immer schlimmer wird, warum es einfach nicht voran geht und mir einfach niemand helfen kann. Ich habe keine Antwort bekommen, aber ich fühlte mich irgendwie nicht mehr so alleine. Und irgendwie war da dann das Gefühl, dass es was größeres gibt, als nur mich selbst. Ich habe mich irgendwann als so eine Art kleinen Pixel in einem großen Bild gesehen, mit allem verbunden, aber eben nur ein Teil des Ganzen. Es dreht sich nicht alles um mich, meine Gedanken sind nicht die Wahrheit, sie sind nur ein sehr beschützender Teil meiner Erfahrungen.
Ich machte schon eine Weile das Brain-Retraining beim Gupta-Programm und nach und nach konnte ich diese kleinen Stimmen und Zweifel im Hintergrund meines Geistes besser erkennen und sie retrainieren.
Dabei habe ich festgestellt, dass man irgendwie zwar nie werden will wie seine Mutter (und ich habe echt eine coole Mutti), aber diese Stimmen, die man jahrelang gerade als Kind gehört hat, sich einfach ins Gehirn fräsen.
Vor der Geburt meiner Kinder hatte ich einiges schon wirklich gut integrieren können, nach der Geburt meiner Kinder verflog aber plötzlich eine ganze Menge Leichtigkeit. Mein Mann sagte mir, ich war plötzlich völlig anders und es kam für ihn sehr unerwartet.
Man sagt ja, Geburten der eigenen Kinder erinnern einen nochmal an die eigenen Geburt und rütteln vor allem Dinge in einem wach, die lange ungesehen waren.
Ich hatte z.B: unfassbare Angst, meinen Kindern ein Trauma zuzufügen, indem ich ihre Bedürfnisse nicht erfülle, mal blöde Dinge zu ihnen sage oder sie sich durch meine Reaktion nicht geliebt oder gesehen fühlen. Inzwischen weiß ich, dass es einmal ein transgenerationales Trauma ist-also gar nicht unbedingt meine Angst sondern die übernommene Angst meiner Mutter. Meine Mutter hatte damals große Angst, dass ihre Panikattacken während der Schwangerschaft auftreten. Sind sie nicht, aber ihr Nervensystem war ja dennoch sehr fragil aufgrund wirklich schlimmer Erfahrungen in der Kindheit und das überträgt sich sowohl über die Gene als auch über ihre Art, die Welt zu sehen. Und dies bekommt man als Baby, bei welchem sich das Nervensystem scheinbar an das der Eltern anlehnt, natürlich mit.
Ich habe also lernen müssen, dass ich aushalten kann, wenn meine Kinder weinen und ich nicht gleich zur Stelle bin, dass jemand anders die Situation ggf. anders regelt als ich es für sinnvoll halte und dass meinen Kindern trotzdem nichts passieren wird. Bzw. dass sie ihre Traumata dann leider irgendwann selber lösen müssen. Und es ist nicht so, dass ich sonst jedes Mal sofort zur Stelle war- ich habe das vorher schon auch ausgehalten, damit die Kids lernen, dass nicht immer allessofort und schnell so passiert, wie sie sich das wünschen, aber das schlechte Gewissen im Nachhinein und die Gedanken, die sich dann um mein vielleicht nicht genügendes Verhalten gedreht haben, waren kaum abzustellen. Ich konnte keinen Punkt dran machen. Das geht jetzt viel besser!
Was ich dafür getan habe? Wann immer die innere Stimme mir sagte: "Boah, Kinder sind so anstrengend" oder "Mein, Gott, warum kann er nicht einfach mal hören?"
und ich merkte, dass es Auswirkung auf mein Gemüt hatte (also auch auf meine Biochemie), habe ich diesen Gedanken aktiv gestoppt, mir aktiv eine tolle Vorstellung mit den Kindern mit allen Sinnen ins Hirn gerufen und konnte so irgendwann feststellen, dass ich nicht mehr in eine "alles ist so anstrengend"-Schleife rutschte. Gerade, wenn es anstrengend wurde, machte ich Dinge bewusst langsamer, nahm Zeitdruck und Verabredungen eine Zeit lang aus dem Terminkalender und betrachtete die Situation mal mit einer Portion mehr Mitgefühl für alle Beteiligten. Klappt auch nicht immer, aber viel, viel besser als vorher. Und wenns nicht klappt, dann akzeptiere ich das mit Mitgefühl, begleite mich selber und schaffe mir Raum und am nächsten Tag gibts eine neue Chance, es "besser" zu machen.
Ich hatte immer einen großen inneren Antreiber, Dinge zu erledigen, perfekt zu machen usw. Das heißt nicht unbedingt, dass ich das auch alles getan habe, aber das Gefühl, nicht genug zu sein, wenn ich nicht genug getan habe, war da. Pausen? Fehlanzeige. Jede Minute wurde genutzt, um Dinge zu erledigen, die man so erledigen muss bzw. sollte. Wenn ich nichts geschafft hatte, fühlte ich mich irgendwie nutzlos. Das Internet, in dem man bei Instagram schön aufgeräumte und geputzte Häuser sieht und man selber das nicht so toll hinbekommt, hat es auch nicht besser gemacht. Man verglich sich plötzlich mit hunderten anderer Menschen, die man nicht mal kannte. Inzwischen mache ich Pausen, setze mich immer mal wieder hin und trinke in Ruhe Tee und versuche, wirklich meinen Körper im Hier und jetzt zu spüren. Und atme. Nur atmen.
Denn selbst, wenn ich mal nichts getan habe, war mein Geist mehr als aktiv- was unfassbare Energie kostet und einem die Ruhe nimmt. Ich weiß nicht, wie oft am Tag ich meine Gedanken stoppen muss, wenn ich Spazieren gehe, Zähne putze oder in einem Topf rühre. Oft. Aber ich werde besser. Weil es überhaupt keinen Sinn macht, die ganze Zeit irgendwas zu denken. Und ich die plötzlich merke, wenn mein Gehirn irgendwie denkt, an dies und das und den und wen und was kommt und was war...
Die Pause muss auch nicht besonders lang sein, 5 Minuten zwischen einer Tätigkeit und der nächsten reichen mir da aus. Und kurz in die Situation, in welche man sich begibt, einchecken. Das bringt einen sofort ins Hier und Jetzt. "Ich sitze im Auto", "Ich ziehe meinen Mantel an und hole mein Kind ab", "Ich bin im Supermarkt". Gamechanger für mich.
Dazu mache ich Dinge langsamer und bewusster. Klaut Zeit, lässt aber Dinge hinten überfallen, die zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht eh nicht so wichtig waren. Mir war vorher nicht bewusst, dass mein Pensum nicht ganz normal war, weil ich auch einfach viel Lust hatte, mich mit vielen Dingen zu beschäftigen. Ich bin deshalb aktuell dabei, die wirklich wichtigen Dinge für mich auszumachen, den Grund, warum ich diese Dinge tue, zu hinterfragen und dann neu zu überlegen, wie ich meinen Alltag leben möchte. Nicht mit 130% sondern mit solidem Einsatz von 80% und 20% Raum für Spontanes.
"Ich möchte helfen" ist ein ganz großer Punkt in meinem Leben. Wenn es darum geht, irgendwo zu helfen, bin ich eigentlich immer am Start. Man muss mich oft auch nicht fragen, ich biete es von alleine an, wenn ich sehe, dass Hilfe jemandem gut tun könnte. Ich komme dafür im Zweifel auch bei Familiengeburtstagen später oder verschiebe eigene Dinge. Ich dachte immer, mir sei das Eigene dann nicht so wichtig, ich kann das auch wann anders machen oder ich bekomme das schon unter einen Hut. Ich kann ja irgendwie beides hinbekommen, auch wenn ich selber dadurch Stress habe. Aber so richtig Stress machte es mir nie, mir machte es eher Stress, nicht zu helfen, weil ich es so wichtig finde, ein gutes soziales Netz zu haben. Aber selber will man dann oft auch nicht fragen, weil man keinen belasten will- wie doof. Und auch hier habe ich mir in den letzten Monaten die Frage gestellt, warum ich eigentlich -auch ungefragt- immer versuche, zu helfen oder mein Wissen weiterzugeben. Leute vielleicht davon zu überzeugen, mit welchen Methoden sie sich selber noch helfen können, gesünder zu werden. Lösungen für anderer Leute Probleme zu suchen, wenn ich sie einmal gehört habe. Es nachzuschlagen, zu googlen, usw. Weil ich es kann und irgendwie immer so gemacht habe. Und damit oft auch wirklich erfolgreich war. Weil mein Gehirn es so kennt, auch den Zustand des "Erfolgs" und der "Dankbarkeit" von anderen. Weil man das fühlt.
Was mache ich nun anders? Ich halte aus, auch wenn mir Leute Probleme erzählen, sie nicht für sie lösen zu wollen. Natürlich versucht man dann im persönlichen Gespräch Lösungen zu finden, aber wenn der andere nicht mehr da ist, sollte es mich nicht mehr belasten. Meine Energie diesbezüglich behalte ich nun bewusster für mich, in dem ich die plötzlich auftretenden Gedanken daran immer wieder stoppe und keine Anstalten mache, selbst zu recherchieren (außer, mir fällt die Lösung des Problems quasi in den Schoß). So gewinnt man Zeit und tatsächlich Energie.
Man muss sich aber an den Zustand gewöhnen, dies nicht mehr zu tun, denn das Gehirn hat ja jahrelang genau so funktioniert und möchte gern wieder zurück in seine Komfortzone.
Jeden Tag ein bisschen :)
Ich befürchte wie viele andere auch, dass irgendwer mich nicht mag und versuche, fröhliche Brücken zu bauen, Harmonie herzustellen, zu helfen und alles zu tun, damit gute Stimmung herrscht. Ich kann Disharmonie super schwer aushalten. Ich tue das zwar, aber in mir drin tobt dann öfter ein größerer Sturm, als man mir anmerkt ich es mir bisher bewusst gemacht habe.
Gerade habe ich bei einem Gespräch mit Freunden festgestellt, dass immer, wenn jemand anders erzählt: "Ich habe mich neulich mit XY getroffen" oder "ja mit XY hat sich eine tolle Freundschaft entwickelt" ich mich oft frage: Und warum nicht mit mir? Warum ich nicht?
Und das ist so ein Quatsch.
Die Aussage sagt 1. nichts über mich aus und 2. treffe ich mich ja auch gerade mit diesen Personen und es sind auch meine Freunde. Und ich treffe mich auch mit anderen Leuten. Aber wenn ich auf mein Gefühl in dem Moment höre, was sich da kurz meldet und mich im Zweifel im Nachgang noch beschäftigt durch innere Selbstgespräche (warum, weshalb mit den anderen, was ist an mir vielleicht falsch, was könnte ich noch besser machen usw.), dann weiß ich inzwischen: Ich darf da nochmal hineinfühlen. Denn das ist wirklich kein erwachsenes Gefühl sondern das meines inneren Kindes, wirkt sich aber auf meinen Körper heute trotzdem noch aus.
Ich habe scheinbar Angst vor engeren Bindungen, weil ich befürchte, dass die Leute nicht bleiben und ich dann Gefühle des Verlusts aushalten muss. Und das habe ich mein Leben lang irgendwie getan- ich war stark und hab Rückschläge oder blöde Momente ausgehalten und weitergemacht, weil ich WUSSTE, dass Trauer mir die Leute nicht wiederbringt. Auch bei Beerdigungen oder dem Tod meiner Pferde erlaubte ich mir zwar, traurig zu sein, aber so ganz ran kam es glaub ich nicht. Vielleicht aber auch, weil ich nicht daran glaube, dass das die Energie unserer Körper irgendwann weg ist. Ich glaube lediglich, dass sie nicht mehr in unserem Körper ist, sondern frei.
So kam ich jedenfalls heute früh bei dem Hören meines inneren Kindes zu dem Schluss, dass ich die ganze Trauer aufgrund von Trennungen von Freunden aus der Kindheit wahrscheinlich gar nicht so richtig gefühlt und zugelassen habe. Freunde ziehen weg, kommen von einem Kindergarten in den nächsten, Schulfreunde überspringen oder wiederholen die Klasse, die Eltern verstehen sich nicht so gut, sodass der Kontakt im Kindesalter auch mit einer engen Freundin/ einem engen Freund einschläft.
Und ich kam zurück zu dem Moment, an dem ich bei der Einschulung in die 7.Klasse nicht in die Klasse meiner besten Freundin kam. Die Eltern hatten jemand anders angegeben, weil sie gerne wollten, dass ihre Tochter an dieser Schule neue Erfahrungen macht, ohne mit mir in einer Klasse zu sein.
Spricht das für mich? Nein. War das vielleicht auch ein Moment, in welchem ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein? Absolut. Ich weiß noch wie ich in der Aula saß und total schockiert war. Ich habe eigentlich nur wegen meiner Freundin auf dieses Gymnasium gehen wollen, ein anderes war viel näher dran. Und ich fühlte mich plötzlich unendlich allein und hatte Angst, weil ich nun wirklich ganz allein mit unbekannten Kindern, bei welchen sich untereinander aber viele aus der vorherigen Schule kannten, in eine Klasse gesteckt wurde.
Ich bereue es im Nachhinein nicht, weil ich dort eine unfassbar tolle Zeit hatte und mir die wichtigsten Freundinnen aus der Zeit erhalten geblieben sind, soweit Zeit, Alltag und Entfernung dies zulassen.
Aber genau deshalb darf ich jetzt nochmal lernen, mein Inneres Kind in solchen Momenten in den Arm zu nehmen, ihm zu versichern, dass wir sicher sind und dass genau die Menschen nah an uns dran sind, die das Leben für uns schöner und bunter machen werden. Und dass auch neue Menschen dazukommen dürfen, auch wenn die Verbindung vielleicht nicht ganz so intensiv ist wie die, die man eben mit Menschen an Schultagen und Verabredungen am Nachmittag oder beim Durchführen gemeinsamer Hobbies erlebt. Aber auch das ist völlig okay und nicht ein bisschen weniger schön:)

