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Marmeladenglasmomente sammeln

19. Sept.
4 Min. Lesezeit

Ich gehe heute mit einem tollen Gefühl ins Bett. Wenn ich zurückblicke auf die letzten 7 Tage (das klingt vor allem viel mehr als "1 Woche"), kann ich fast durchgängig sagen, dass sie sich fast schon normal angefühlt hat. Mit wenigen Gedanken an Symptome und was bloß werden soll, wenn ich nicht wieder richtig auf die Beine komme. Was ich dann alles vom Leben verpasse. Was mir entgeht. Was ich alles nicht mehr machen kann, obwohl ich so gern möchte.

Und ich kann dann wirklich fühlen: Ich kann schon soviel und ich möchte eigentlich viel mehr erleben, als der Tag und die Woche Stunden hat. Als ich überhaupt Lebenszeit habe, wenn ich nicht wieder durch die Tage renne. Zwar zufrieden, aber an ganz vielen Stellen doch nicht ganz da, immer auf dem nächsten Sprung, die Zeit getaktet- Ereignis an Ereignis, Erlebnis an Erlebnis. Und der Blick nach innen? Irgendwann zwischendurch. Morgen. Besser morgen, heute war schon so voll.

Diese Gedanken kann ich inzwischen gut mit etwas Abstand betrachten. Ich merke, was ich denke. Und dann kann ich etwas dagegen setzen. Ich kann diesen Mangel entkräften, ihm nicht mehr soviel Gewicht zuteil werden lassen. Aber das geht nur, wenn ich mir Zeit dafür nehme, diese Gedanken anders zu denken und sie anders zu fühlen. Ich muss regelmäßig trainieren. Und das geht widerum am besten, wenn das Nervensystem ruhig ist-weil ich mich den Tag immer wieder um mich gekümmert habe. Nicht unbedingt lang. Immer mal ein paar Minuten. In der Mittagspause auch länger. Wenn ich wusste, dass der Tag sozial emotional voll wird, habe ich den Rest des Tages darauf angepasst. Wenn ich stressige Momente hatte, habe ich danach eine kurze Körperübung gemacht, um den Stress loslassen zu können. Nur gedanklich den Tiger zu verfolgen hilft nicht, man muss irgendwas mit dem Körper machen um die Stresshormone loszuwerden.


Und um meine tollen Erlebnisse einmal kurz zusammenzufassen:

An sich war die Woche normal. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, den Haushalt schmeißen im Rahmen des mir Möglichen. Etwas machen, was mir Spaß macht oder mich weiterbringt (wie Krafttraining, Gartenarbeit, Spaziergang, Inlinerfahren, hier etwas aufschreiben, was mich bewegt). Meditation und Brainretraining, dann noch essen kochen, was ich essen kann.

Aber zusätzlich dazu:

Ich war in einem MRT- es war offen und ich habe eigentlich keine Angst davor, auch nicht in einem geschlossenen MRT. Ich war echt guter Dinge.

Durch den Aufbau des Magnetfeldes, den ich vorher ja leider nirgends üben konnte, ist mein Nervensystem von jetzt auf gleich in komplettem Ausnahmezustand gewesen. Ich habe mich selbst etwas erschrocken, weil ich diese Symptomatik in diesem Ausmaß lange nicht mehr hatte. Gerade das Herzrasen und vor allem das Flackern hinter meinen Augenlidern hat mich sehr an den Beginn meiner Krankheit erinnert und mich kurz Angst und Bange werden lassen. Durch die Werkzeuge, die ich inzwischen dafür habe, konnte ich mich innerhalb von ein paar Minuten gut regulieren und die ganze halbe Stunde entspannt in dem Gerät verbringen. Ich konnte meinem System die Sicherheit schenken, die es brauchte, um aus der Symptomschleife auszusteigen. Ich war so stolz. Ich bin immer noch stolz. Und habe noch im MRT-Raum ein kleines Freudentänzchen hingelegt. Auch das hilft wie gesagt beim Stressabbau :)

Einen Tag später waren wir auf einer Hochzeit. Nur mein Mann und ich. Mit einer Stunde Fahrzeit zur Location und Übernachtung vor Ort. Und ich fand es sooo, sooo schön. Man geht zusammen auf eine Feier. Man unterhält sich. Man tanzt. Man hüpft und springt und lässt sich einfach von der Musik treiben und denkt an nichts anderes. Man fühlt sich frei und nicht gebremst.

Vor einem Jahr nicht vorstellbar. Am Wochenende kein Problem mit den nötigen Vorbereitungen drum herum (eigenes Essen mitbringen, vernünftiges Pacing in den Tagen drum herum, BrainRetraining für genau diese Situation usw). Den Montag nach dem Wochenende fühlte sich mein Kopf etwas wattig an, ich bin mir aber nicht sicher, ob da nicht einfach eher die Sorge dahintersteckte, ob das Wochenende mir nicht doch auf die Füße fällt...War aber alles okay!

Innerhalb der Woche war ich bei meinem abendlichen Tanz-und Bewegungskurs, den ich bei unserer VHS gerade ausprobiere. Es macht total Spaß und da ich auf einige Bewegungen im Gegensatz zum ersten Abend verzichtet habe, weil sie mein Nervensystem doch zu sehr gestresst haben, hatte ich auch von diesem Termin nur geringe Nachwirkungen. Aber um meinem Nervensystem Sicherheit zu vermitteln, muss ich Dinge auch einfach immer mal wieder probieren- und sie im Zweifel dann wieder lassen, auch wenn das gegen alle meine inneren Glaubenssätze des "Durchhaltens" und "Wenn man etwas angefangen hat, bringt man es auch zu Ende" spricht. Aber ich weiß ja, ich MUSS Dinge jetzt anders machen und anders denken. Und das sind nie die einfachen sondern die tief sitzenden, fiesen Glaubenssätze, sie schon in Fleisch und Blut übergegangen sind...argh.

Der Rest der Woche war dann sehr entspannt und spontan ohne feste Termine.

An diesem Wochenende haben wir Dorffest- gestern wurden die Dinge eingekauft, die wir für die Zubereitung in unserer Suppenküche benötigen, heute trafen wir uns mit 6 Pärchen inkl. einiger der Kinder zum Schnippeln und Kochen. Da war eine Menge los!

Ich konnte mit schnippeln, mich unterhalten, habe brav meine große Pause in unserem Auto gemacht (und ich hätte sie glaub ich nicht gebraucht) und konnte danach sogar Wikingerschach spielen. Kein Vergleich zu meinem gesundheitlichen Zustand im letzten Jahr. Da war ich zwar auch schon dabei, aber mit einem ganz anderen schwummerigen Gefühl im Körper und ganz anderen Möglichkeiten bei der Mithilfe.

Morgen ist das große Fest- und auch, wenn ich es wahrscheinlich nicht von vorn bis hinten mit all den Tätigkeiten, die dazugehören, erleben kann, freue ich mich wahnsinnig auf die Momente, in denen ich teilhaben kann. Und werde sie auch nicht "einfach so" erleben sondern sie mit Haut und Haaren aufsaugen. Einfach, weil ich es wieder kann und ich dafür nicht dankbarer sein könnte.

Und so füllt sich das Marmeladenglas vielleicht nicht mit der Antarktisexpedition oder der Schlittenhundtour in Lappland (noch nicht), aber mit ganz vielen kleinen, wertvollen Momenten, die ich noch intensiver erlebe als viele der Dinge, die ich bisher erlebt habe. Weil sie zwar klein aber eben trotzdem wertvoll und vor allem nicht selbstverständlich sind.

Ich würde mich gerade auf einem gesundheitlichen Level von 70% einschätzen und bin mehr als glücklich darüber.

Frei nach dem Motto: Es wird- aber es braucht.


 
 
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