Bindungstrauma- Geburtstrauma- Eisenmangel
Aktualisiert: 7. Juli

Also das spannende dieser Reise ist ja, dass man so ein wenig sein eigener Arzt wird. Einfach, weil man alle Problemchen und Symptome gar keinem anderen wahrscheinlich so erklären kann, dass er sie in Zusammenhang bringen könnte. Und es kommen dann immer kleine Aha-Erlebnisse, die einem auf seinem Heilungsweg ein Stück nach vorn pushen, weil man wieder ein Puzzleteil findet, von dem man nicht glaubte, dass es überhaupt da ist.
Mein einer Eisenwert ist zum Beispiel von Oktober bis Februar von 60 auf 20 gesunken. Innere Blutungen? Überhaupt größere Blutungen? Nicht, dass ich wüsste. Aber: Vielleicht war das im Blut gemessene Eisen vorher gar nicht wirklich verfügbar sondern ein Marker für Entzündungen (da kann der Eisenwert schon mal höher aussehen als er wirklich ist).
Und da fiel mir dann wieder ein, dass ich bei meiner Geburt knapp 20% meines Blutes aufgrund unvorhergesehener starker Blutungen verloren habe. Und das macht was mit einem. Vielleicht was das ein weiteres Puzzleteil (oder der Anfang der ganzen Misere- keine Ahnung), warum mein Körper recht schnell in den Überlebensmodus schaltete und die vorher vielleicht schon vorhandenen Unzulänglichkeiten wie Borrelien, Ebstein-Barr usw. ausufern ließ.
Die Geburt war schon ein Highlight für sich. Erst will das Baby nicht raus, dann kommt es mit Pauken und Trompeten fast auf unserem Sofa. Wir haben es gerade noch ins Krankenhaus geschafft, nachdem ein unfassbar unfreundlicher Sanitäter des Rettungswagens, zwei freundliche Rettungssanitäter eines zweiten Rettungswagens, die spontan angehalten haben, weil sie noch nie eine Hausgeburt miterlebt hatten und fragten, ob sie dabei sein dürften, unfassbar unfreundliche Ärztinnen, die mich in den Presswehen noch belehren wollten, warum ich denn nicht früher losgefahren sei, mir den Weg zur Geburt wirklich schwer gemacht haben. Also so emotional schwer. Ich kann es gar nicht so richtig in Worte fassen irgendwie. Als sei ich zu doof (sie fragten mich die ganze Zeit irgendwelche Dinge, aber ich hatte solch starke Wehen, dass ich nicht groß antworten konnte- und es stand alles im Mutterpass, man hätte nur reinschauen müssen). Und bestimmte Dinge wollte ich auch nicht tun, weil sie für mich einfach nicht richtig erschienen (mir zum Beispiel direkt einen Dammschnitt verpassen zu lassen, was darin gipfelte, dass mir minutenlang ins Ohr gebrüllt wurde, dass ich mit 50 inkontinent werden würde und Windeln bräuchte und ich das doch nicht wollen würde). Ich konnte mich irgendwann einfach nicht mehr dagegen wehren und dachte: Ja egal, Hauptsache das ist hier irgendwann vorbei.
Dann verlor ich plötzlich eine Menge Blut, mir wurde noch schnell ein Zugang gelegt, die Oberärztin sagte danach noch irgendwas von "wie knapp das eigentlich war".
Fühle ich was, wenn ich daran denke? Nicht so richtig. Ich war ziemlich ruhig. Im Nachhinein eigentlich zu ruhig. Nicht wütend. So gar nicht. Ich denke, es hat halt jeder das gemacht, was er meinte, was richtig ist. Um die Situation gut und gesund zu überstehen.
Aber sollte ich nicht eigentlich richtig wütend sein? Darauf, dass ich behandelt wurde, wie der letzte Mensch? Dass mir während der Wehen die ganze Zeit ins Ohr gebrüllt wird und die Situation noch stressiger anmutet, als sie eh schon war? Dass mir nicht schon vorher ein Zugang gelegt wurde, was üblich ist, weil man bei Blutverlust ggf. die Vene nicht mehr anstechen kann um lebenswichtige Medikamente in den Körper zu bekommen? Und dass in meinem Geburtsbericht steht, ich war nicht kooperativ, um sich von Krankenhausseite versicherungstechnisch abzusichern? Ja. Ich sollte wütend sein. Ich hätte danach den Beteiligten erzählen sollen, wie schlimm es für mich war und was sie sich eigentlich dabei gedacht haben, mich so zu behandeln. Stattdessen versuchte ich noch auf dem Entbindungstisch die Harmonie im Kreissaal wieder herzustellen und eine gute Stimmung zu verbreiten, weil ich es einfach ganz schwer aushalten kann, wenn jemand mir ungutes Verhalten oder mangelnde Kooperation vorwirft oder mich nicht mag- gerade, wenn ich von demjenigen abhängig bin. Wie bescheuert.
Wie ich aber jetzt verstehe, hat dies wohl mit einem Bindungstrauma zu tun. Auch Mutterwunde genannt. Wie gemein, dass wir Mütter irgendwie immer Schuld sind... :)
Mein Mann und ich waren uns einig, dass es wenig Sinn macht, über den Vorfall ewig zu reden sondern nach vorne zu schauen- es war halt, wie es war und wir hätten es in dem Moment nicht ändern können. Also weiter gings! Und ich finde diese Einstellung auch immer noch gut und richtig- mit einem großen Aber: Ich muss lernen, dass ich diese Gefühle wirklich fühlen darf. Dinge nicht nur einmal kurz richtig scheiße zu finden und mich daran aufzuhängen (das ist nämlich wieder was anderes) sondern wirklich das Gefühl des Allein-Gelassen- und nicht Gesehen-Werdens zu fühlen. Das Gefühl der Unsicherheit und der Hoffnungslosigkeit und auch des Nicht-Genügens in dem Moment. Es nicht nur im Kopf durchzuspielen sondern in meinem Körper zu fühlen. Denn das ist für mich und wahrscheinlich für viele, viele andere echt schwer. Und erst danach kann das Gefühl weiterziehen und die Wut im Kopf (denn die ist ganz klar vorhanden) verrauchen und sich der Blick auf sich selbst wieder lichten. Das muss man nur erstmal wirklich verstehen und nicht nur theoretisch wissen. Wie es geht, in diese Gefühle zu kommen, und sei es mit Hilfe von anderen Personen oder sinnvollen Methoden.
Naja, seitdem arbeite ich daran, diese Gefühle zu fühlen und mich auch anders zu verhalten als vorher. Und ich muss irgendwie nochmal an die Geburt ran. Stück für Stück. Es ist halt ein Weg.
Und weil ich meinem inneren, wirklich wütenden, Anteil versprochen habe, einen Brief an die Beteiligten meiner Geburt zu schreiben, um diesen Gefühlen Raum zu geben, versuch ichs mal. Und ich versuchs kurz zu machen.
Liebe Ärzte aus dem KKH, lieber Sanitäter.
Danke, dass ich den Abend meiner Geburt überlebt habe und Sie die schwere Blutung noch stoppen konnten.
Und sonst Danke für GAR NICHTS. Es ist komisch, aber es gibt nichts, wofür ich Ihnen an diesem Abend dankbar bin. Na vielleicht doch, dass Sie mich wieder sehr professionell zusammengenäht haben, nachdem Sie mich ohne Betäubung (kann ja sein, dass es normal ist, aber es war ein furchtbarer Moment) an einer echt empfindlichen Stelle aufgeschlitzt haben.
Sie sind vielleicht professionell in den wissenschaftlichen Themen ihrer Arbeit, aber es mangelt an Freundlichkeit, Empathie und Einfühlungsvermögen, dass es ein Unding ist, einen Kreißsaal oder einen Rettungswagen mit Menschen wie Ihnen zu besetzen. Auch dass vergessen wurde, mir gleich zu Beginn einen Zugang zu legen- das war lebensgefährlich. Mir war nicht bewusst, was das für Folgen haben kann, aber stellen Sie sich mal vor, ich wäre Ihnen abgenippelt, weil sie mir lieber was von Windeln und Inkontinenz vorgesungen haben, als so etwas überlebenswichtiges wie das Setzen eines Zugangs zu erledigen. Ich kann verstehen, dass Aufregung da ist, wenn jemand so spontan eingeliefert wird und das Baby schon fast um die Ecke guckt- aber gerade als Verantwortliche in diesem sozialen und wichtigen Bereich ist es doch wichtig, dass man den zu behandelnden Menschen abholt. Denn ja, ich bin ein Mensch, keine Nummer, kein Sonderfall. Würden Sie gern so behandelt werden, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären? Mit einer Überheblichkeit und Arroganz und Unsicherheit sondergleichen? Ich glaube nicht. Ich wusste schon, warum ich nicht in dieses Krankenhaus wollte, aber dieses Erlebnis hat es mir nochmal mit einem Ausrufezeichen bestätigt. Ich hatte leider an diesem Abend keine andere Wahl.
Ich bin wütend. Auf Sie, über mich, weil ich nicht genau so unfreundlich war, wie Sie zu mir. Aber ich hatte einfach Angst, dass ich dann schlecht behandelt werde oder medizinisch anders versorgt werde als wenn ich freundlich bin.
Ich wünsche Ihnen Geduld, Empathie und ein Leben, was Ihnen Spaß macht. Damit auch ihre Patienten vielleicht einen Menschen dort antreffen, der zufrieden ist.
Und nochmal zurück zum Eisen: Der Körper kann einen Blutverlust in gewisser Höhe aushalten und auch die roten Blutkörperchen nachbauen- wenn er sonst gesund ist. Und auch das dauert seine Zeit.
Dazu kommt, dass solch ein hoher, schneller Blutverlust dem Körper ein Trauma bescheren kann. Wie ich jetzt weiß, ist die postpartale Blutung eines der größte Risiken bei einer Geburt für die Mutter. Und das Gehirn merkt sich, wenn Umstände dazu führen können, dass es lebensbedrohlich wird und reagiert darauf mit umso mehr mit Adrenalin und Cortisol, zum eigenen Schutz. Er hat irgendwie nur nicht mehr damit aufgehört, weil ich ihm nach der Geburt zu wenig Luft zum Heilen gelassen habe, weil meine Glaubenssätze, schnell wieder funktionieren und viel übernehmen zu wollen (andere schaffen das ja auch, war ja nur eine Geburt) einfach so groß waren.
Wer weiß, vielleicht kann ich ja auch diese Erfahrung irgendwann heilen. Ich bin zumindest zuversichtlich.
Ich habe inzwischen festgestellt, dass immer, wenn ich gerade Eisen als Supplement nehme, mein Immunsystem mit Heiserkeit und einem Anflug von Erkältung reagiert. Und da der Körper ja schlau ist und das Eisen auch vor den Mitbewohnern versteckt, die er zu bekämpfen versucht, habe ich hier jetzt noch mal eine Hausaufgabe zu lösen: Gucken, warum ich das Eisen in bestimmten Dosen nicht vertrage oder wer das Eisen zur Vermehrung benötigt, gegen den mein Körper dann immer wieder ankämpfen muss. Borrelien schnappen sich Mangan, kein Eisen. Aber gerade Viren, Pilze und Parasiten freuen sich wohl über Eisen. Also gehts weiter beim Entgiften und den Körper bestmöglich durch Entspannung und gute Nährstoffe in eine Lage zu bringen, sich gegen das zu wehren, was vielleicht noch drin steckt. Schaden kann es jedenfalls nicht. Letś go!

