"Ein anders Selbst" und Danke an Mama!

Es ist viertel nach neun Uhr morgens, ich sitze an unserem Frühstückstisch zwischen den getuschten Bilden von gestern und den Müslischüsseln von heute morgen und finde mich plötzlich in tiefster Seelenarbeit wieder. Nachdem der Tag gestern mit einkaufen und eine Freundin treffen für mein Nervensystem (oder meine Kopfgelenke) so anstrengend war, dass ich gestern Abend schon mit Kopfweh ins Bett ging und mich die Schmerzen heute Morgen um 5 haben wieder aufwachen lassen, hätte ich nicht gedacht, jetzt schon am PC sitzen und etwas schreiben zu können.
Aber die Gefühle und Erkenntnisse kommen, wenn sie kommen- und verschieben ist aktuell einfach nicht drin.
Eine Meditation des Gupta-Programmes noch heute früh im Bett, dem Versprechen an mich selbst, den Tag heute ruhig anzugehen und der Akzeptanz, dass auch die Schmerzen nicht ewig andauern werden und auch nicht schlimm sind, haben mir seit 8 Uhr so gut wie Schmerzfreiheit beschert. Der Umgang mit der Situation dieser Erkrankung (en) hat sich im Laufe der Zeit verändert und das ist gut so- Kontrolle weg, hin zum loslassen und annehmen, wie es eben ist.
Ich schaue morgens nach dem Frühstück oft ein halbes Stündchen Fernsehen. Und es ist so, so schön, dass es wieder geht. Aktuell schaue ich die Serie auf Netflix "EIn anderes Selbst"- und die Story darin spricht mich total an, weil es um Verbesserungen des Lebens und der Gesundheit durch die Arbeit an den eigenen Wurzeln geht und die Verstrickungen des eigenen Selbst mit den Herausforderungen der vorangehenden Generationen.
Es wird jedenfalls Aufstellungsarbeit gemacht um die eigenen Geschichten zu ergründen, sich vielleicht aus einer Rolle zu lösen, die man inne hatte, die gar nicht die eigene ist und die man loslassen kann. Man kann aber nicht loslassen, wenn man sich nicht vorher einmal hineingefühlt hat.
Und plötzlich kamen mir so viele Gedanken und Gefühle zu meiner eigenen Rolle innerhalb meiner Familie in den Kopf geschossen, dass es mich wahrlich überrollt hat. Sowohl die Erkenntnis (und die muss ja nicht 100% stimmen) also auch die Gefühle, die damit einhergingen. Und wie sehr ich doch in manchen Punkten meiner Mutter ähnel in EIgenschaften, die ich an ihr wirklich nicht mag- und an mir dementsprechend auch nicht.
Ich schrieb also alles auf, was mir dazu einfiel und hatte plötzlich ein tiefes Gefühl des Verständnisses. Für sie für mich, für meine Familie. Es ist nur die Spitze des Eisbergs, aber wenigstens hab ich mal ein Stückchen davon wirklich angekratzt.
Ist wie bei einem Haus- man wird nie fertig mit renovieren und etwas schöner zu machen, warum denn dann bei einem selbst mit einer jahrhundertelangen Geschichte...
Und dann überrollte mich eine Dankbarkeitswelle. Weil trotz allen Leids, was gerade meiner Mutter wiederfahren war, hat sie viele Dinge anders machen wollen und auch anders gemacht. Ist über sich an vielen Stellen hinausgewachsen, wenn es darum ging, die Kontrolle abzugebe (bzw. abgeben zu müssen).
Ich würde meine Muter als jemanden beschreiben, der gewisse Routinen im Leben braucht um sich sicher zu fühlen. Sie hat schon eine ziemlich genaue Vorstellung, wie etwas zu sein hat, wie man sich benehmen sollte, dass man für andere mitdenkt usw.
Ich bin allerdings mehr Pippi Langstrumpf, eine wilde Räubertochter, die viele Ideen hat und das Abenteuer mag. In vielen Bereichen echt chaotisch -oder halt angestrengt ordentlich und vernünftig, aber das kostet mich unfassbare Kraft, weil ich so eben nicht von Haus aus bin.
Und ich musste mich an vielen vielen Stellen immer ziemlich freikämpfen bzw. hatte meine eigene Mutter oft "gegen" mich aufgrund ihrer eigenen Ängste.
Aber wenigstens ich selbst hatte Vertrauen in mich und meine Ideen und meistens waren sie auch gut. Find ich :) Mein Vater war auch eher auf der Seite "Ausprobieren und draus lernen", also war ich da nicht alleine.
Nichtsdestotrotz bin ich super dankbar, dass sie mich immer begleitet hat und in ihrem Rahmen mir die Liebe zuteil kommen lassen hat (sagt man das so?), die ich verdiene- obwohl sie in ihrem ganzen Leben glaube ich keine größere Herausforderung hatte und hat als mich und ich immer wieder ihre eigenen Problemzonen antrigger. Liebe zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise. Und manchmal wünscht man sich etwas vom anderen, gerade der Mutter, was sie aber nicht leisten kann aufgrund der eigenen Geschichte. Und dann sollte man trotzdem schauen, was sie trotz mancher Widrigkeiten für einen geleistet haben und sich daran festhalten. Auch wenn es immer noch in manchen Momenten knirscht und knartscht.
Aber das ist etwas, an dem ich nicht vorbeikomme und das aushalten lernen muss- denn manche Themen oder Gefühle müssen gerade die Eltern für sich regeln, da bin ich als Kind einfach nicht der richtige Adressat.
Ich weiß nicht, ob man überhaupt so richtig verstehen kann, was mit diesem Post gerade sagen will, aber unterm Strich:
Danke Mana, für alles. Und wenn es knirscht fegen wir es wieder weg und konzentrieren uns auf das, was uns zusammenhält. Liebe.
Papa natürlich auch, aber da knirscht es weniger langandauernd :)
Ich nehme jetzt meinen handgeschriebenen Zettel, schnappe mir Feuerzeug und Schale und verbrenn die alten Gedanken. Mal schauen, welches Neue diesen Platz dann einnehmen darf...

