Der gute Grund
Aktualisiert: 7. Juli

Es gibt ja immer einen Grund, warum man Dinge tut oder lässt- gerade unterbewusst. Soviele Dinge machte ich gar nicht "nur so" sondern oft mit einem Zweck im Hintergrund.
Egal ob Kinder"erziehung", WhatsApp-Nachrichten beantworten, aufräumen...
Mein Bauchgefühl ist an vielen Stellen dem Verstand gewichen, der einem sagt, Du musst das so oder so machen, damit...(beliebig befüllbar)...dein Kind nicht zu respektlos wird, es eine gute Zukunft hat, die Wohnung aufgeräumt ist, falls Besuch kommt und so weiter und so weiter.
Oft glaubte ich sogar, dass es mein eigener Wunsch war, dass z.B. der Haushalt so aussieht, wie er aussieht (und ich gehörte schon vorher nicht zu denen, bei denen es immer sauber und aufgeräumt war, bei weitem nicht). Aber dennoch war da der innere Druck, sich erst entspannen zu können und dürfen, wenn es halbwegs aufgeräumt ist oder wenn etwas "fertig" ist. Dieses Gefühl, erst loslassen zu können, wenn es um mich herum so oder so aussieht.
Ich stelle gerade immer öfter fest, dass diese Tätigkeiten, die ich jetzt lerne nicht mehr ganz so ernst und wichtig zu nehmen sich plötzlich ganz anders anfühlen, wenn ich sie tue- weil ich sie aus einem anderen Grund mache. Und mit einem anderen Gefühl mache.
Und vorher wusste ich das ja auch schon- aber das Gefühl dabei war ein anderes. Ich habe es schon versucht, meinen Freundinnen zu beschreiben. Ich räume jetzt nicht mehr nur deshalb auf, weil eine Art innere Unzufriedenheit mich losschickt, das zu tun, bevor ich etwas anderes, vermeintlich Unsinnvolles tue und dafür erst ein bestimmtes Umfeld brauche. Oder so ähnlich. Ich räume jetzt viel öfter mit mehr Freude auf, weil wir soviele Dinge haben, die ich aufräumen kann, die ich mir hart erarbeitet habe. Wenn es passt. Nachdem ich etwas Nettes für mich gemacht habe. Und nicht vollends genervt, weil es eine Stunde später wieder aussieht wie nach einer Explosion der Spielzeugschränke oder der Küche und ich somit wieder aufräumen müsste, um mich wohl fühlen zu können. Gerade in diesem Bereich war es immer so, dass ich dachte, ich kann nicht chillen, bevor es nicht halbwegs ordentlich ist. Und dieser Gedanke ist weder wahr noch wahrscheinlich wirklich von mir.
Ich muss diesen Zustand eines aufgeräumten Hauses nicht mehr zwingend haben, um wohlzufühlen, das kommt viel mehr wieder von innen. Aber dennoch finde ich es schön, wenn alles an seinem Platz liegt und man durchs Zimmer tanzen kann, ohne auf Lego zu treten. Aber eben aus einem anderen Grund.
Genauso verhält es sich mit Beziehungen zu Freunden und Bekannten. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass sich alle immer noch treffen und sich sehen und nur ich bin nicht dabei. Was totaler Quatsch ist, aber es hat sich so angefühlt. Ich habe viel dafür getan, mich neu zu vernetzen, neue Beziehungen einzugehen und neue Bekanntschaften zu knüpfen. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass das vermehrte Interesse mehr von mir kommt und war an der ein oder anderen Stelle fast enttäuscht, wenn sich nicht so viele Treffen ergeben haben. Mein innerer Cheerleader war auf jeden Fall oft wirklich enttäuscht :)
Aber: Ich war wahrscheinlich auch an vielen Stellen gar nicht so richtig ich selbst, weil es mir so wichtig war, nicht anzuecken, verurteilt zu werden, gemocht zu werden und neue "beste" Freunde zu finden, komme, was wolle.
Und dabei habe ich wirklich, wirklich tolle Freunde, die ich ohnehin schon nicht so oft treffen kann.
Aber vielleicht erkennt sich da noch jemand wieder in meinen wilden Gedanken, es geht ja doch recht vielen so.
Und irgendwann fragte ich mich: Wenn ich nicht irgendwas bei Insta oder in den whatsapp-Stati sehen würde: Hätte ich das Gefühl, ich bin nicht gut vernetzt? Das Gefühl, ich hätte wenig Freunde? Ich mache so wenig Tolles im Alltag?
Nein. Das Gefühl hätte ich definitiv nicht, wenn man diese Vergleiche nicht ständig ziehen würde- ob bewusst oder unbewusst.
Was ich inzwischen verstanden habe (und fühle, nicht nur weiß), ist, dass Beziehungen an sich einfach Zeit brauchen, zu wachsen, und dass die in einem normalen Leben mit Kindern einfach begrenzter ist als noch früher zu Schul- oder Ausbildungszeiten. Und dass jeder versucht, in seinem Alltag ein halbwegs gutes Gleichgewicht hinzubekommen zwischen neuen Leuten, Hobbies, Alltag, Kindern, Arbeit. Und da ist es manchmal einfach schwer, sich öfter zu treffen und sich wirklich gut kennenzulernen. Und ich muss ehrlich sein- manchmal beruht das Interesse einfach nicht so auf Gegenseitigkeit, weil man eben auch einfach mal nicht so gemocht wird- und das ist dann auch okay. Zumindest arbeite ich dran, dass es sich so anfühlt :)
Durch mehr Selbstakzeptanz (und ja, das kann man üben und muss man auch) habe ich wieder mehr zu mir gefunden und viele der Bekanntschaften gar nicht mehr so aktiv verfolgt. Nicht, weil ich die Leute jetzt weniger mag sondern einfach, weil das Vertrauen wieder da ist, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit in mein Leben finden und ich nie allein oder einsam sein muss. Weil in mir drin alles ist, was ich brauche. Und der Rest eben kommt, wenn es an der Zeit ist.
Und dieses Vertrauen macht es soooviel einfacher. Denn ich liebe es, unter Leuten zu sein, etwas gemeinsam zu unternehmen und zusammen zu lachen und eine gute Zeit zu haben. Und da haben sich auch neue Kontakte ergeben, die ich wirklich sehr schätze und die mir viel Freude bereiten und die die Jugend unserer Kinder hoffentlich überdauern.
Auch beim Begleiten meiner Kinder versuche ich inzwischen mehr darauf zu hören, was mein Bauch sagt und ob sich Dinge stimmig anfühlen- nicht nur, ob sie auf kurz oder lang dem Kind bessere Chancen in der Zukunft, besseren Schlaf, eine glückliche Oma, einen besseren Darm, trockene Füße oder was weiß ich nicht verschaffen.
Ich selbst fühle mich oft wie Pippi Langstrumpf- ich brauche nicht viel um zufrieden zu sein, habe immer Lust auf Abenteuer und albernen Quatsch und hätte sofort ein Pferd im Garten, wenn er größer wäre. Und ich fühle mich einfach komisch, meinen Kindern Dinge zu verbieten, nur weil sie vermeintlich aufwändig sind. Barfuss und mit dreckigen Füßen draußen laufen (und manchmal eben auch rein, weil die Gedanken ganz woanders waren als bei dreckigen Füßen), mit guten Hosen Fussball spielen und sie haben dann Löcher an den Knie und Grasflecken, Stöcker vom Baum abbrechen und mit ihnen kämpfen und und und.
Da schlagen manchmal zwei so große Herzen in meiner Brust. Und da meine Mami ein Mensch ist, bei dem es oft darum geht, was andere denken, wenn man nicht 100%ig korrekt ist, wundert mich dieses innere Zerrissensein in solchen Situationen auch nicht mehr.
Ich versuche also aktuell, meine Linie zu finden, um meine Kinder bedürfnisorientiert aber auch mit gesunden Grenzen zu begleiten und hoffe, dass sie durch mich ihren Entdeckergeist nicht so schnell verlieren oder Angst haben, Fehler zu machen, weil ich durch diese Faut-Pax (die einfach immer mit saubermachen zu tun haben) total genervt bin. Mein Nervensystem und das der Kinder danken es mir.
Klappt nicht immer, aber ich arbeite dran und es fühlt sich viel mehr nach mir selbst an.
Auch hier ändert sich der Grund, warum ich Dinge tu, und das fühlt sich viel, viel runder an als vieles, was vorher so war. Zumindest werden die Selbstgespräche im Nachgang, wenn mein schlechtes Gewissen mich innerlich rund macht, wesentlich weniger und enden mit mehr Mitgefühl für mich selber.
Ihr seht, ich kann es schwer in Worte fassen und es liest sich vielleicht etwas durcheinander, aber falls ihr den Weg irgendwann selbst gehen könnt, werdet ihr vielleicht fühlen, was ich meine. Und das wünsch ich Euch!

